Das Wetter war höchst bescheiden. Es herrschte Dauerregen bei den Soester Stadtmeisterschaften im Schulzentrum. Doch das schien Hochspringer Falk Wendrich kaum zu stören. Der 31-Jährige im Trikot des LAZ Soest erzielte herausragende 2,25 Meter, steigerte seine Jahresbestleistung um zwei Zentimeter und untermauerte damit Platz zwei in Deutschland. Schon vor einem Jahr hatte er ebenfalls bei den Stadtmeisterschaften mit 2,28 Metern für das Highlight gesorgt und sich damit sogar zum besten deutschen Hochspringer der Saison 2025 gekürt. Im Interview stellt sich der Deutsche Hallenmeister den Fragen von Anzeiger-Mitarbeiter Harald Bottin.
Zuerst einmal herzlichen Glückwunsch zu Deinen 2,25 Metern, bei diesen schlechten äußeren Bedingungen zweifellos eine überragende Leistung. Hast Du angesichts des regnerischen Wetters überhaupt mit einer solchen Höhe gerechnet?
Vielen Dank!
Ich hatte im Vorhinein immer mal wieder Wettervorhersage und Regenradar geprüft, war also zumindest nicht von den Bedingungen überrascht und habe während der mentalen Vorbereitung auch nur Sprünge im Regen visualisiert. Fokus war kontrolliertes Laufen mit hohem Kniehub und sauberen Schritten von oben, möglichst ohne Geschwindigkeit zu opfern. Nach den ersten Probesprüngen hatte ich keinerlei Gefühl von Unsicherheit oder Rutschen und habe gespürt, dass es hoch hinaus gehen kann. Besonderer Dank von meiner Seite gilt den Helfern, die immer wieder dafür gesorgt haben, dass trotz des Dauerregens der Absprungbereich so trocken wie möglich war.
Warum gerade immer wieder Soest, bei einem für Dich doch vergleichsweise kleinen Wettkampf. Es werden sich sicher einige Leute fragen: Warum hat der das nicht bei den deutschen Meisterschaften in Wattenscheid oder bei den Europameisterschaften in Birmingham hinbekommen?
Das ist eine schwierige Frage, die deutschen Meisterschaften waren wirklich bitter und enttäuschend. Ich bin es nicht gewohnt, unter Druck so zu versagen. Das EM-Finale war anders, einfach nicht mein Wettkampf.
Du hast nach den glatt und sicher übersprungenen 2,25 Metern die Sprunglatte sofort auf 2,30 Meter legen lassen. Was hat Deiner Meinung nach am Sonntag gefehlt, um auch diese Höhe, die für Dich persönliche Bestleistung bedeutet hätte, noch zu schaffen?
Wenn ich mich richtig erinnere, war es erst das zweite Mal in meinem Leben eine Höhe von 2,30 m oder mehr aufliegen zu haben. (2,31 Universiade 2017) Es war ein besonderes Gefühl. Vielleicht war ich etwas zu sehr auf die Zahl selbst fokussiert, anstatt die Latte, egal wie hoch sie liegt, einfach nur als Orientierung zu sehen und dann völlig frei anzulaufen und abzufliegen. Ich bin überzeugt, körperlich bereit zu sein, es geht also vor allem darum, mental jeglichen Respekt abzulegen, dann Technik und Intensität zu verbinden und einen optimalen Sprung zu realisieren
Wie so oft in den vergangenen Jahren bist Du auch in dieser Saison nicht vor Verletzungen verschont geblieben. Zwar waren es im Vergleich zu den größeren Verletzungen (Kreuzbandriss u.a.) eher kleinere gesundheitliche Einschränkungen, aber Du konntest über Wochen nicht wie geplant trainieren. Wie schaffst Du es, so viel Geduld aufzubringen, um Dich immer wieder aufzurappeln und nicht aufzugeben?
Ich hatte seit dem letzten Sommer mit den Europameisterschaften dieses Jahr ein glasklares Ziel vor Augen. Die Rückenprobleme, die mich 6 Wochen gekostet haben, waren besorgniserregend und sehr nervig und vor allem nicht richtig fassbar, ein MRT nach drei Wochen ohne Besserung war fast erwartungsgemäß ohne Befund. Behandlungen haben keine direkte Wirkung gezeigt. Es ist irgendwann einfach von selbst besser geworden. Trotzdem hatte ich nie an der EM-Teilnahme gezweifelt und mich etwas verspätet in die Saison gekämpft. Die Situation war also nicht zu vergleichen mit einer akuten Verletzung, die die Saison beendet oder sogar karrieregefährdend ist. Die Ziele und Träume in meinen Gedanken sind für mich sowieso zu faszinierend, als dass ich aufgeben würde. Die Top 10 Platzierung bei der EM und auch jetzt die 2,25 m im Regen sind wichtige Schritte auf meinem Weg.
Stichwort: Los Angeles: Es ist kein Geheimnis, dass es Dein Traum ist, in zwei Jahren bei den Olympischen Spielen in den USA an den Start gehen zu können. Wie siehst Du Deine Chancen, bei Olympia dabei zu sein? Immerhin bist Du dann schon 33 Jahre alt.
Meine Chancen sind sehr gut und absolut realistisch. Aktuell bin ich vollständig beschwerde- und schmerzfrei. Ich werde alles tun, dass es so bleibt. Mit 33 sehe ich keine Probleme bezüglich meiner körperlichen Leistungsfähigkeit, im Gegenteil, ich habe so viel Training und Wettkämpfe in meinen 20ern verpasst, dass mich jedes Jahr mit kontinuierlichem Training und vollständiger Saison noch besser machen wird.
Hast Du mit dem Springen in Soest Deine Saison beendet, oder planst Du noch einen Wettkampf?
Ursprünglich war der Plan meine Saison hier in Soest abzuschließen, aber meine Form ist jetzt einfach weiter ansteigend und ich möchte unbedingt noch weiter springen. Ende September habe ich einen Wettkampf in Prag ausfindig gemacht, dort gibt es Weltranglistenpunkte und der DLV akzeptiert die Ergebnisse. Danach ist dann aber wirklich Schluss für dieses Jahr.


