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Freitag, 24 November 2017 09:40

Der Kampf gegen die Depression

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Im Sommer gewann Wendrich Gold in Taiwan. Im Sommer gewann Wendrich Gold in Taiwan. Foto: adh.de

Schon als 17-Jähriger stand er fast ganz oben. Bei der U20-Weltmeisterschaft in Barcelona gewann der Soester Hochspringer Falk Wendrich (LAZ Soest) vor fünf Jahren die Silbermedaille. Selbstbewusst kündigte er damals an: „Ich möchte der beste Hochspringer der Welt werden.“ Doch dann wurde es ruhig um den Soester. Erst in diesem Sommer kam er endgültig zurück. Fünf Jahre nach der Silbermedaille in Barcelona gewann Wendrich im Sommer Gold bei der Studentenweltmeisterschaft in Taipeh. Nun spricht er ganz offen darüber, welchen Kampf er in den vergangenen Jahren führte. Es ist der Kampf gegen die Depression und ein Kampf, den kaum jemand vermutet hätte.

Die Bedingungen waren ähnlich wie zwei Jahre zuvor in Barcelona: Ein lauer Sommerabend, ein beeindruckendes Stadion und die Aussicht auf den WM-Titel. Doch so ähnlich die äußeren Umstände auch gewesen sein mögen, so unterschiedlich war die Verfassung, in der Falk Wendrich am 25. Juli 2014 im US-amerikanischen Eugene zum Finale der U20-WM antrat. „Ich war mit meinen Gedanken ganz woanders“, sagt er heute. Und dann schildert er diese Situation vom Training einige Monate zuvor in Soest: „Ich stand unter einer Hantelstange und habe angefangen zu weinen – einfach so, grundlos.“ Die Bundestrainerin überlegte daraufhin, ob es überhaupt sinnvoll sein würde, ihn erneut für eine Weltmeisterschaft zu nominieren. Sie spürte, dass von der Leichtigkeit des Falk Wendrich nicht mehr viel übrig geblieben war. Schuld war eine Depression.

„Jedes Training wurde zur Hürde“

Falk Wendrich saß am Schreibtisch in seiner Bochumer WG, als er diesen Online-Test machte. „Ich hatte einfach keinen Antrieb mehr, jede Trainingseinheit wurde zu einer unüberwindbaren Hürde“, sagt er. Der Test verschaffte ihm eine Ahnung davon, warum es in seinem Leben nicht mehr so lief, wie er das gewohnt war. Und das galt nicht nur für den Sport, auch privat verstand er sich und seinen Körper nicht mehr. „Zum Beginn der Krankheit, in der Schule, stand ich manchmal im Kreis mit meinen Mitschülern und anstatt mich zu unterhalten, blickte ich gefühllos in die Leere“, sagt Wendrich. Er erzählt das heute mit einer Offenheit, die es einem noch schwieriger macht, seine damalige Verschlossenheit nachzuvollziehen. „Dass war wie ein Hungergefühl“, beschreibt er. Es war ein Hunger, gegen den auch das Essen nicht half.
Doch Falk Wendrich kämpfte. Er kämpfte gegen seinen eigenen Körper. Heute vergleicht das mit zwei Systemen, die aufeinander prallen. „Ich hatte Tage, da bin ich nur im Bett geblieben, andererseits bin ich aber Leistungssportler und hatten diesen Drang, mich zu bewegen, es war schrecklich.“ Da war etwa diese Situation, als er mit dem Rad zum Sprungtraining in den Völlinghauser Wald fahren wollte. Die Strecke geht steil bergauf, war für Wendrich aber eigentlich nie ein Problem gewesen. Doch diesmal verzweifelte er an dem Berg. Die Depression beeinträchtigte nicht nur seine Psyche, auch seine körperliche Leistungsfähigkeit war stark gehemmt. „Egal, wie sehr ich meine Beine bewegen wollte, sie wurden immer langsamer und dann habe ich wieder angefangen zu heulen“, sagt er.

Hilfe von der Robert-Enke-Stiftung

Aber er kämpfte und trainierte weiter. Im Jahr 2015 wurde er im Internet schließlich auf die Robert-Enke-Stiftung aufmerksam. Die Experten dort vermittelten ihn an einen Arzt und einen Psychologen, Wendrich nahm Medikamente und fand wieder zurück zur alten Stärke.
Die Depression bleibt ihm jedoch ein Rätsel. „Ich weiß nicht, woher sie gekommen ist und ich kann auch nicht sagen, warum sie wieder gegangen ist“, sagt er. Oft sind persönliche Schicksalsschläge wie eine Trennung oder ein Trauerfall Auslöser für eine Depression. Das alles habe es in seinem Leben jedoch nicht gegeben. Seit dem Frühjahr dieses Jahres habe er sich einfach wieder besser gefühlt, hatte wieder Freude am Leben und am Sport.
Der Durchbruch war schließlich das Hochsprung-Meeting in Bühl, als er 2,26 Meter hoch sprang und somit seine fünf Jahre alte Bestleistung steigerte. Höhepunkt der vergangenen Saison war zweifelsfrei die Universiade in Taiwan. Hier steigerte er seine persönliche Bestleistung auf die Weltklassehöhe von 2,29 Meter und gewann die Goldmedaille.

„Ich will der Beste der Welt werden“

Auf dem Papier ist das Wendrichs bisher größter sportlicher Erfolg. Wenn man ihn persönlich nach seiner größten sportlichen Leistung fragt, nennt er jedoch einen anderen Wettkampf. Dann denkt er an den 25. Juli 2014. Das WM-Finale 2014 in Eugene, der Wettkampf, in dem er gedanklich ganz woanders war – und sich dennoch durchsetze. Trotz starker Symptome seiner Krankheit steigerte er sich hier auf 2,22 Metern und wurde Fünfter. „Das war pure Willenskraft“, sagt Wendrich.
An seinem Traum aus dem Jahr 2012 hat sich übrigens nichts geändert. „Ich träume immer noch davon, der beste der Welt zu werden.“ mo

Quelle: Soester Anzeiger

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